Einführung Band 1

Jede Veränderung im ‚Raum‘ ist eine Veränderung in der ‚Zeit‘, jede Veränderung in der ‚Zeit‘ ist eine im ‚Raum‘. […]
Die Veränderung mag langsam sein, aber man verändert sich kontinuierlich ‚in Raum und Zeit‘ – als ein Mensch, der älter und älter wird, als ein Teil einer sich verändernden Gesellschaft, als Bewohner der sich rastlos bewegenden Erde. (Norbert Elias: Über die Zeit)

Die Zeit, der momentane Status quo, hat Einfluss darauf, wie wir Raum wahrnehmen. Die Art und Weise, wie wir Raum wahrnehmen, lässt wiederum Schlüsse über unsere Empfinden, unser Dasein in der Zeit zu. Beispielsweise regnet es in Filmen in der Regel, wenn den Protagonisten etwas Trauriges oder Schicksalhaftes widerfährt. In naturkundlichen Museen wird das Aussterben der Dinosaurier häufig von einer regnerischen, gewittrigen Landschaft umrahmt usw. Diese Wahrnehmungsgewohnheit etabliert sich in der Epoche der Romantik, in der der Ausdruck einer inneren seelischen Befindlichkeit in der Darstellung einer ihr äußerlich entsprechenden Landschaft umgesetzt wird. Diese Darstellungsform ist im Repertoire der Bildsprachen in der Moderne so geläufig geworden wie die Zentralperspektive. Wir sind also – ohne uns dessen unbedingt bewusst zu sein – gewohnt, die Stimmung der uns umgebenden Landschaften und Orte zu interpretieren und in Beziehung zu unserem Wohlbefinden zu setzen.

Die Frage des Usus, der Gewohnheit, ist noch in einer anderen Hinsicht für unser Thema von Bedeutung. Unsere Wahrnehmung institutionalisiert Bekanntes wie z.B. Gebäude, Objekte und Plätze unseres alltäglichen Umfelds mit der Folge, dass wir sie nach kurzer Zeit nicht mehr gesondert, sondern gewissermaßen als Hintergrundrauschen erleben. Es bedarf erst einer wahrnehmbaren Änderung der Gegebenheiten, damit wir uns diesem „Inventar“ wieder gezielt zuwenden. Die Aufmerksamkeitsspanne des Mängelwesen Mensch ist begrenzt und richtet sich zuallererst auf ein „Geschehen“, also Bewegung und nur mit einem gezielten Interesse (bspw. von Touristen) auf bauliche, fest installierte Gegebenheiten. (Wulf Tessin: Ästhetik des Angenehmen)

lattenwald_beispielhaft_12_LR

Der dänische Architekt Jan Gehl, zu dessen Themenschwerpunkten die Gestaltung „funktionierender“ öffentlich nutzbarer Räume gehört, führt aus, dass sich erst in Zeiten des Wohlstands in einer Gesellschaft die Nutzung öffentlicher Räume von den notwendigen Tätigkeiten (Verkehr, Transport, Kauf- und Verkauf ) zu den möglichen Aktivitäten verschiebt („Urban Recreation“). Diese wiederum teilen sich in einen größeren Block passiver Tätigkeiten (Sitzen, Zuschauen) und einen kleineren Block aktiver Tätigkeiten (Jogging, Skating). Im Fall der hauptsächlichen Verrichtung notwendiger Tätigkeiten in öffentlichen Räumen spielt nach Jan Gehl die Gestaltung dieser Räume überhaupt keine Rolle. Sie werden in jedem Fall genutzt. In den Fällen jedoch, in denen Plätze, Parks und Promenaden vor allem der – wie auch immer gearteten – Erholung in der Stadt dienen, kommt der guten Gestaltung dieser Räume eine grundsätzliche Bedeutung zu, denn sie wird über die Art und Weise der Nutzung oder Nicht-Nutzung der Plätze mitbestimmen. Was uns zu der Frage führt: Wann „funktioniert“ ein Raum?

Was für einen Raum „funktioniert“ (und für einen anderen nicht), kann sich je nach Stunde, Tag, Woche, Jahreszeit, Wetter und Betrachter bzw. Benutzer sehr unterschiedlich darstellen. Wie oben ausgeführt, setzen wir unser eigenes Empfinden mit dem Erleben des Raumes gleich. Schlechtes Wetter und Kälte werden uns einen Raum unattraktiver erscheinen lassen als heiteres und sonniges Wetter. Große, freie Räume können mit intensiver Nutzung, z. B. durch Skater und Flaneure jene quirlige belebte Qualität bekommen, die häufig als „urban“ bezeichnet wird; bei Nicht-Nutzung jedoch ein Gefühl von Leere, Trübsal und Unsicherheit verbreitet. Eine Banalität, die für Freiraumplaner und Architekten jedoch eine schwierige Bedingung enthält: Es gibt entscheidende Faktoren, die menschliches Raumerleben bestimmen, die aber von Planern und Gestalter nicht im mindesten zu beeinflussen oder zu ändern sind. Nicht jedenfalls, ohne die Qualitäten eines freien Raumes grundsätzlich zu verändern (z. B. durch temporäre Überdachungen usw.).

SPACEmaker!_ Nola_Bunke_(33)_LR

Aber nicht nur natürliche Bedingungen wie Witterung, Tages- und Jahreszeit geben ihren eigenen Rhythmus vor, auch die Nutzerinnen und Nutzer von Plätzen, Parks und Promenaden haben eigene und durchaus differierende Anforderungen an das „Funktionieren“ öffentlicher Räume. Was für die einen (z. B. Ladenbesitzer) geschäftsschädigendes Verhalten ist, kann für die anderen (z. B. jugendliche Skateboarder) legitimer Ausdruck des eigenen Lebensstils sein. Was für den einen hochwertig und ästhetisch wertvoll gestaltet ist, kann der andere als kalt, steril und abweisend empfinden. Passanten sehen einen Platz anders als die direkten Anwohner und beide würden wahrscheinlich wiederum ganz andere Prioritäten setzen als Planer und Politiker: Jeder, der auf Plätzen, Parks und Promenaden in Städten unterwegs ist, kann sich ein Bild von ihrem Zustand machen.

Daher sollte Städte die Entwicklung ihrer öffentlichen Räume mit großer Sorgfalt begegnen, denn sie sind Symbol für die Vielfalt der Stadtgesellschaft und Visitenkarten der Stadt. Während sich allerdings die Gesellschaft wandelt und damit auch die Anforderungen an öffentliche Räume, kann der bauliche Zustand eines Raumes lange mehr oder minder unverändert sein. Der Umgang mit diesen Räumen, mit Diskrepanzen und Dissonanzen evoziert weitere Fragen: Welche (neuen) Anforderungen muss ein „funktionierender“ Platz, ein Park, eine Promenade erfüllen? Wie kann man herausfinden, welche Potenziale Räume haben? Wie stellt man fest, ob Räume den aktuellen Nutzungserfordernissen gerecht werden? Haben „nichtfunktionierende“ öffentliche Räume verborgene Qualitäten und wenn ja, welche?

Temporäre Aktionen können als eine Art Diagnoseinstrument für Stadträume begriffen werden. Mit dem Mittel der temporären Intervention entstehen „Räume auf Zeit“. Stadträume werden mit geringem baulichen Aufwand so verändert, dass sie mit den Seh- und Nutzungsgewohnheiten der Passanten und Anwohner brechen. Dies geschieht nie ohne Anlass. In der Regel deutet eine Diagnose des Nicht-Funktionierens auf ein Zuviel oder Zuwenig hin: z. B. Kommerzialisierung und Übernutzung, Vernachlässigung und Pflegedefizite, Verdrängung und Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungs- und Nutzergruppen. Wo die Grenze zwischen problematischer Übernutzung und wünschenswerter Belebung, zwischen desintegrativer Verdrängung und legitimer Aneignung liegt, ist häufig nur schwer bestimmbar. Genau mit diesem Spannungsfeld des „Funktionierens“ und „Nicht- Funktionierens“ öffentlicher Räume befassen sich die auf dieser Website und im Buch „Raum auf Zeit“ vorgestellten Aktionen.

2011-05-05 studio acn Spaziergang 5_LR

Einige Aktionen rücken aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und virulente Fragen der Stadtentwicklung in den Vordergrund – beispielsweise stadtverträglichen Verkehr (SPACEmaker!) oder soziale Integration (studio aachen nord). Die unscheinbaren und alltäglichen Plätze werden dabei ebenso bevölkert, belebt und erprobt wie die prominenten Räume der Stadt. Andere Aktionen heben gezielt die spezifischen Qualitäten von Stadträumen hervor, die von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden (Katschhof under construction) oder spielen mit der besonderen Atmosphäre einzelner Stadträume, indem sie sie durch temporäre Installationen auf besondere Weise pointieren und in Szene setzen (Internetz, GrenzWert, sonotopia). Dazu gehört z. B. auch die Inszenierung von „Anti-Räumen“ – Orten, die bewusst gemieden werden oder im Alltag gar nicht zugänglich sind (Schäl Sick Wall, Land Ahoi!). Immer wieder geht es darum, Wahrnehmungsschwellen zu verändern und Unsichtbares (oder Unhörbares) erlebbar zu machen.

Bisweilen entstehen sogar Probeentwürfe, in den Raum übertragene Skizzen und Collagen im Maßstab 1:1, die dieses neue Raum-Erleben möglich machen (Lattenwald, SPACEmaker!). Einige Aktionen nehmen anstehende Planungsvorhaben experimentell vorweg oder bereiten sie vor (Grüner wird’s nicht, studio aachen nord). Ein ganz praktisches Ziel dieser Vorbereitungs- Aktionen ist es, die Bevölkerung für die anstehenden Veränderungen zu sensibilisieren und darüber hinaus dazu anzuregen, eigene Ideen und Wünsche frühzeitig in den Planungsprozess einzubringen. Der Charme des offenkundig Unfertigen eröffnet hier Planern und Nutzern die Möglichkeit, die in den temporären Raumveränderungen transportierten Ideen weiter zu denken, sich von ihnen abzugrenzen und über Alternativen nachzudenken.

Viele Aktionen setzen ganz bewusst auf den Dialog und die Interaktion zwischen den „Machern“ der Aktion auf der einen und den „Zuschauern“ auf der anderen Seite, um die oft skeptischen Betrachter aktiv einzubinden. Gelegentlich werden die Zuschauer selber zu notwendigen Akteuren, die sich an der Weiterentwicklung des begonnenen Gestaltungsprozesses beteiligen (Internetz, StuhlTischStuhl) – dann wird deutlich, was letztlich auf gewisse Weise für jeden Stadtraum gilt: sein Erscheinungsbild und seine Gestaltung sind das Produkt zahlreicher Akteure und komplexer Aktivitäten. Damit liegt auch auf der Hand, was wir mit den Aktionen erreichen wollen: Aufmerksamkeit schaffen. Die Aktionen sollen den Blick für die große Vielfalt und Unterschiedlichkeit städtischer Freiräume und Akteure sowie die große Vielfalt der Ansprüche an diese Räume öffnen. Aktionen können auf die unterschiedlichen „Talente“ von Räumen aufmerksam machen und ihre Potenziale ins richtige Licht rücken. Sie können – manchmal provokativ, manchmal ästhetisierend – Gesprächsanlässe schaffen und die Öffentlichkeit für Fragen der Nutzung und Gestaltung sensibilisieren.

Dabei haben sie einen ganz entscheidenden Vorteil: Sie sind temporär und reversibel. Das heißt, sie greifen nur für einen begrenzten und übersichtlichen Zeitraum in die Szenerie ein und sind danach wieder verschwunden. Sie sind leicht zu planen und mit überschaubarem Aufwand durchzuführen – jedenfalls im Vergleich mit dauerhaften Planungen und Änderungen. Zudem sind Aktionen ergebnisoffen. Ein Prozess wird angestoßen, aber was dann geschieht, ist nicht plan- oder vorhersehbar: Was passiert? Was ist, wenn nichts passiert? Gibt es Proteste? Gibt es Zustimmung? Gelingt es, die Aktion wie vorgesehen durchzuführen? Wird die Aktion evtl. abgebrochen – durch die Polizei, das Ordnungsamt, …? Werden Nutzerinnen und Nutzer mitmachen? Was ist, wenn Sie nicht mitmachen?

Ein Teil der in diesem Band vorgestellten Aktionen ist an der RWTH Aachen und an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft von Studierenden der Fachbereiche für Architektur durchgeführt worden. Mit den studentischen Aktionen verfolgen wir immer mehrere Ziele gleichzeitig: Zum einen geht es um den Umgang mit den Räumen selbst. Zum anderen sollen die angehenden Architekten und Planer lernen, ein Projekt von der ersten Idee über die detaillierte Planung bis zur Umsetzung zu bringen. Dies schließt auch scheinbar fachferne Tätigkeiten wie die Pressearbeit, Marketing, Akquise von Geldgebern und Einholen amtlicher Genehmigungen ein. „Erfolgreich“ ist aus Sicht der Lehrenden eine Aktion dann, wenn sie nicht nur aus einer guten Idee besteht, sondern auch alle Schritte der Planung, Kommunikation und Projektorganisation reibungslos über die Bühne gehen,bzw. die üblichen Hürden der Praxis meistern.

sonotopia_alanus_09_LR

Zugleich geht es auch darum, die Grenzen der Einflussnahme auszuloten. Nicht nur für Studierenden werden bei der Konzeption und Planung immer wieder mit der Frage konfrontiert, was sich – vor allem durch bauliche und räumlich wirksame Maßnahmen – überhaupt „gestalten“ lässt und was auf eine besondere Weise inszeniert werden muss. In einem Fall entfaltet das erzeugte ästhetische Bild eine geradezu verblüffende eigenständige Kraft und bündelt so die Aufmerksamkeit von Passanten und Betrachtern.

In einem anderem Fall tritt die raumverändernde Gestaltung in den Hintergrund, und der interaktive soziale Prozess wird zum entscheidenden Teil der Aktion. Nicht immer lässt sich im Vorfeld prognostizieren, wie stark und publikumswirksam der geplante temporäre Eingriff wird. Der öffentliche Raum und der soziale Kontext entwickeln immer wieder eine unvorhergesehene Eigendynamik, die Planern, Architekten und Künstlern deutlich machen: Um Räume zu verändern und Entwicklungen zu gestalten, braucht es mehr noch als Gestaltungswillen die Bereitschaft zur Offenheit, Improvisation und Flexibilität. Damit wir in Bewegung bleiben!

Ulrich Berding