Einführung Band 2

Vom Alltagsraum zum besonderen Ort

Erkenntnis- und Wirkungsprozesse von temporären Raumsituationen

„Zugleich war es wie ein Blick aus der Kutsche und der Betrachter jederzeit frei, das Ferne ziehen und das Nahe flimmern zu lassen.“
(Nadolny 1987: 341)

 

Vordergründig mag der gedankliche Bogen vom Seefahrerroman Sten Nadolnys zu temporären Rauminterventionen etwas weit hergeholt erscheinen. In seinem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ beschreibt Nadolny aber nicht nur die Biographie des englischen Seefahrers und Nordpolforschers John Franklin; das Buch ist auch eine Reflektion über Zeit, Rhythmus und das Wahrnehmen von Raum, Dingen und Augenblicken. Franklin – langsamer in der Entwicklung als andere Kinder, langsamer im Sprechen und Denken – ist ein ausdauernder genauer Beobachter seiner Umgebung, der in ihr das Einzigartige und im Alltag besondere Details zu erkennen vermag, über die andere beiläufig hinwegsehen. Er liebt das Kutschenfahren und die damit verbundene Möglichkeit, Augenblicke in der vorbeiziehenden Landschaft festzuhalten. Hier werden Aspekte angesprochen, die im Weiteren in Bezug auf die Beispiele in diesem Buch von Belang sind: Es geht um das Kurzfristige als Gegenstück zum Langfristigen, um das wahrnehmbar Machen von Alltag und Unsichtbarem sowie um den Wirkungs- und Erkenntnisgewinn dieser „Augenblicke“.

 

RAUMaufZEIT

Der Begriff RAUMaufZEIT spielt mit dem Moment des Augenblicks nicht nur als Beschreibung einer kurzen Zeitspanne, sondern immer in ihrer Wechselbeziehung mit Räumen. Insofern ist er klar umrissen, lässt zugleich aber genügend Spielraum für unterschiedliche Anwendungen und Erklärungsmus-

ter. In den letzen zehn Jahren ist eine Konjunktur von Erscheinungen zu verzeichnen, die mit diesem Raum-Zeit-Bezug spielen und in Praxis, Forschung und Lehre wahrgenommen, untersucht und umgesetzt werden: Temporäre Zwischennutzungen und Interventionen im urbanen Stadtraum, das scheinbar Ungeplante, das Experimentelle, Selbstbauprojekte, Formen des Informellen, Alltäglichen, die Bespielung öffentlicher Räume, urban gardening, Mikroplanung, hands-on- oder handmade urbanism bzw. selfmade city sind nur einige Stichworte, die diesen Trend beschreiben. Trotz zunehmender Wertschätzung finden sich die Befürworter dieser Denk- und Planungsrichtung noch immer mit dem Vorwurf konfrontiert, keine „echte“ Planung, „echte“ Architektur oder „echte“ Forschung zu sein. Schaut man in die Ursprünge des Entwerfens, Bauens und Forschens zurück, fragt man sich, warum der Erklärungsdruck eigentlich nicht auf der anderen Seite liegen sollte: Das Entwerfen und Planen hat seine Ursprünge in handwerklicher Tätigkeit. Über Jahrhunderte hinweg wurden in Versuch- und-Irrtum-Prozessen Gegenstände hergestellt und weiterentwickelt sowie neues Wissen generiert und bestehendes Wissen verfeinert. Das Konzipieren, Herstellen und daraus Lernen war in einem engen rekursiven Lernprozess eng verknüpft. Mit Beginn der Neuzeit im 15./16. Jahrhundert wurde dieser eng verzahnte Prozess aus gleichzeitigem Denken und Handeln langsam aufgelöst. Trial-and-Error-Verfahren, das Durchspielen unterschiedlicher Lösungswege und experimentelle Versuchsanordnungen beschränkten sich nunmehr auf das maßstäbliche Zeichnen auf Papier oder das Labor abseits des realen Alltags (vgl. u.a Karow-Kluge 2010: 24ff.). Der Bezug zum wirklichen Leben und Raum gewann seit dem letzten Jahrhundert wieder an Bedeutung: Anthropologen und (Stadt-) Soziologen der Chicagoer Schule im frühen 20. Jahrhundert und die Situationisten in den 1960er Jahren sind da zu nennen; in der Architekturlehre war das Rural Studio (seit den 1990ern) Vorbild und Vorläufer für ähnliche Lehransätze in Deutschland seit der Jahrtausendwende (z.B. das Studio Urbane Landschaften, an der Leibniz Universität Hannover gegründet, oder die Baupiloten in Berlin). Auch die Projekte in diesem Band sind mit Studierenden der Architektur im Rahmen ihrer Ausbildung entstanden, waren aber nie nur Selbstzweck, also das Durchspielen eines Projektes „im Kleinen“ von der ersten Idee bis zur Umsetzung im „geschützten“ Raum der Hochschule. Den Autoren dieses Bandes ging es immer auch um den Umgang mit den Räumen selbst, um das Wahrnehmen verborgener Raumtalente, um das Ausloten möglicher Einflussnahme – was muss tatsächlich „gestaltet“ werden und was als sozialer Prozess inszeniert? – und die verschiedenen Ebenen der Raumproduktion (vgl. Beeren et al. 2013: 14f.). Die elf Projekte in diesem Band zeigen daher eine Bandbreite unterschiedlicher Herangehensweisen, wie sie die Autoren bereits in ihrem ersten Band beschrieben haben: „Einige Aktionen rücken aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und virulente Fragen der Stadtentwicklung in den Vordergrund (…). Andere Aktionen heben gezielt die spezifischen Qualitäten von Stadträumen hervor, die von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden (…). Einige Aktionen nehmen anstehende Planungsvorhaben experimentell vorweg oder bereiten sie vor“ (ebd.: 12f.). Diese Stichpunkte zeigen bereits, dass Räume auf Zeit nicht nur Wert und Wirkung für die Lehre an Hochschulen haben, sondern auch für Wissenschaft und Praxis. In sieben Schlaglichtern wird im Folgenden der Versuch unternommen, Erklärungsansätze für eine wissenschaftliche, praktische und lebensalltägliche Bedeutung herzuleiten, zu belegen oder zu illustrieren. Die verschiedenen Zugänge beschreiben aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Begrifflichkeiten Beispiele, Phänomene und Methoden von Räumen auf Zeit.

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1_Alltägliches wahrnehmen

„Normal“ betitelte die Zeitschrift brandeins ihren monatlichen Schwerpunkt im Oktober dieses Jahres lapidar (brandeins 10/2013). Während es in deutschen Fernsehkrimis noch eine klare Dichotomie von Ordnung und Störung, Normalität und Abweichung, gut und böse gibt, stolpert man in anderen Bereichen über Ungereimtheiten: In der Wirtschaft werden zwar Millionen für Innovationsprogramme ausgegeben, Irritationen und Störungen aber gleichzeitig tunlichst vermieden. In der Werbung wird das Normale momentan geradezu klischeehaft inszeniert: Normal heißt echte, authentische, aus dem wirklichen Alltagsleben kommende Menschen. Die Abweichung vom Normalen wird ironisch weichgezeichnet. Andererseits gilt auch: In einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft, in der Individualität und das Besondere, sich von anderen Abhebende zum Lebensprinzip geworden ist, scheint das Normale nicht erstrebenswert und zunehmend ungreifbar zu sein. Wie ist das Alltägliche dann beschreibbar? Lohnt es überhaupt, verborgene Qualitäten ans Licht zu holen? In „Learning from Las Vegas“ haben Denise Scott Brown und Robert Venturi Ende der 1960er Jahre das Banale, Alltägliche und vermeintlich Hässliche der zeitgenössischen amerikanischen Stadt erforscht und beschrieben (vgl. Venturi et al. 1979). Als Vertreter der Ostküsten-Kultur – geprägt von Raumbildern der verdichteten europäischen Stadt – versuchten sie, unvoreingenommen dem alltäglich Anderen zu begegnen. Es gelang ihnen nur bedingt. Ihnen standen dabei ihre eigenen Wertvorstellungen und ein eingeschränkter Methoden- und Darstellungskanon im Weg, der – wie ihre Sehgewohnheiten – an bekannten Maßstäben ausgerichtet war: „Die Methoden der Darstellung, die man als Architekt und Planer gemeinhin gelernt hat, behindern unser Verständnis von Las Vegas. Sie beziehen sich demgegenüber auf wesentlich statische Gegebenheiten, während es hier um dynamische Prozesse geht“ (ebd.: 92).

Diese Mühe, sich mit alltäglichen Räumen zu beschäftigen und ihre spezifischen Qualitäten herauszuarbeiten, machen sich Architekten und Planer selten. „Eigentlich sucht sich die professionelle architektonische oder städtebauliche Gestaltung bewusst vom Trivialen, Gewöhnlichen oder Geschmacklosen des städtischen Alltags und der Massenkultur abzugrenzen – Architektur wird gern als ‚Baukunst’, als Teil der Hochkultur verstanden. Ebenso dient die herkömmliche Stadtplanung dazu, durch übergeordnete Leitbilder und bauliche Setzungen für Ordnung und Gestaltung des Stadtraums zu sorgen, und steht damit per se im Gegensatz zum Ungeplanten, Alltäglichen, Ephemeren, Dynamischen in der tatsächlichen Produktion der städtischen Räume“ (Hagemann 2012: 73). In seinem Artikel „The Generic City“ unterstellte Rem Koolhaas in den 1990ern der „eigenschaftlosen Stadt“ – außerhalb historisch gewachsener verdichteter Stadtkerne – fehlende öffentliche Räume sozialen Zusammenlebens und Identität stiftende Orte (vgl. Koolhaas 1997). Koolhaas’ Blick ist höchst normativ und problematisch. Im Vergleich zu Brown und Venturi scheint ihm eine Suche nach möglichen verborgenen Qualitäten des Alltäglichen nicht einmal der Mühe wert. So beschrieb er die „ästhetische Bausünde“ Forum des Halles in Paris vor seinem Umbau auch als „die Galapagosinseln der modernen Architektur, auf denen die Geschöpfe einer anderen Evolution aus dem Boden kriechen“ (Koolhaas zit n.: Mönninger 2004). Gemeint waren damit die Bewohner der Banlieues, für die das Forum ein wichtiger sozialer Treffpunkt in der Kernstadt Paris’ darstellt(e). Nur entsprach die Gestalt dieses sozialen Ortes nicht der visionären Ästhetik vieler Architekten und Stadtplaner. Nicht ohne Grund machte Marc Augés Begriff des Nicht-Ortes in den 1990ern Karriere: Während sich anthroplogische Orte durch Vielfalt und Differenzen auszeichnen und Identität stiftend sind – durch Identifikation, Relationen und Historie kennzeichenbar – sind Nicht-Orte zweckgebunden entstanden, mono-

funktional und durch Ähnlichkeit charakterisierbar (vgl. Augé 1994). Diese normativen Einteilungen in starre Kategorien sind auch ein Spiegelbild disziplinärer Raumauffassung, die die unterschiedlichsten Ebenen der Raumproduktion – die sozial-kulturelle, erlebte, ökonomische, naturräumliche und physischbauliche – nicht ausreichend zusammendenken, trotz eines erweiterten mehrdimensionalen Raumbegriffs, in dem die Ordnungsdimension von Raum und eine Handlungsdimension – die Entstehung von Raum als soziales und prozesshaftes Anordnen – mitgedacht wird (vgl. u.a Löw 2001).

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2_Normales durch Anormales erkennen

An die eigenen Wahrnehmungs- und Bewertungsgrenzen von alltäglichen Räumen stößt man besonders dort, wo die unterschiedlichen Raumstrukturen nicht den gewohnten entsprechen. Die bekannten Korrelationen von sozial-kulturellem, physischem und ökonomischem Raum in den verdichteten Kernstädten brechen – das hat Las Vegas bereits gezeigt – besonders in den Räumen auseinander, die nicht unserem Bild der gewachsenen Stadt entsprechen, z.B. den städtischen Peripherien, dispersen Stadtregionen, Agglomerationen, Netzstädten, der Zwischenstadt, verstädterten Orten. Bei ihrer Suche nach lokalen Potenzialen „alltäglicher sozialer Orte“ als Treffpunkte in der Stadtregion Bitterfeld-Wolfen stellte Andrea Benze fest, dass sich diese „Orte“ nicht über eine alleinige Analyse des physischen Raumes und Vorstellungen sozial-räumlicher Beziehungsgeflechte von Kernstädten finden und auf disperse Stadtstrukturen ohne verdichteten Stadtkern übertragen lassen (vgl. Benze 2012). „Ortsgebundene Kommunikationsstrukturen lösen sich auf und Sozialstrukturen lassen sich nicht mehr bruchlos auf räumliche Ordnungsbilder projizieren“ (ebd.: 17). Hier stellt sich die Frage, wie Orte und ihre verborgenen Qualitäten aufzuspüren und beschreibbar sind.

Zunächst lohnt der Blick in die Alltagsforschung anderer Disziplinen. Hier ist insbesondere die qualitative Forschung – das Fächerspektrum reicht von der Ethnographie über die Psychologie und den Sozialwissenschaften bis zu den Kultur-, Erziehungs- und Wirtschaftswissenschaften – zu nennen, die stark am Alltagsgeschehen, -wissen, -handeln und -prozessen orientiert ist. Erving Goffman, einer seiner wichtigen Vertreter, ist u.a. bekannt für seine Studien zur Face-to-face-Interaktion und zur Präsentation des Selbst im Alltag. Ihm kam es darauf an, sich den Beforschten und ihrer Lebensumgebung möglichst authentisch anzunähern, sie ganz aus der Nähe zu betrachten. Gleichzeitig setzte er als Forschungsstrategie relative Verfremdungen und Abweichungen der sozialen Wirklichkeit ein, um weiterreichende Informationen zum Verständnis des Normalen zu erlangen. Paul Drew und Anthony Wootton nannten dies „Untersuchung des Normalen durch das Anormale“ (Drew & Wootton 1988: 7). Qualitative Forschung nutzt hier „das Fremde oder von der Norm Abweichende und das Unerwartete als Erkenntnisquelle und Spiegel, der in seiner Reflexion das Unbekannte im Bekannten und Bekanntes im Unbekannten als Differenz wahrnehmbar macht und damit erweiterte Möglichkeiten von (Selbst-)Erkenntnis eröffnet“ (Flick et al. 2012: 14).

Harold Garfinkels Forschungsinteresse galt dem praktischen, situativen Alltagshandeln. Er nannte diesen Forschungsansatz Ethnomethodologie. Ihm ging es nicht darum, Phänomene in eine bekannte Kategorie zu subsumieren, sondern herauszuarbeiten, „durch welche praktischen Methoden ‚etwas’ zu ‚etwas’ wird“ (Bergmann 2012: 55), also etwas, was im Alltag zwar gesehen, aber unbemerkt bleibt, wahrgenommen werden kann. Um auf das im routinisierten Alltag Verborgene aufmerksam und dem Forscher zugänglich zu machen, haben Vertreter der Ethnomethodologie wie Garfinkel „Kunstgriffe eingesetzt, die helfen sollen, die opake Alltagswelt aufzubrechen“ (ebd.: 58). Einer

dieser Kunstgriffe bestand darin, Unordnung zu erzeugen. Damit ist gemeint, dass Garfinkel oder Goffman „Extreme, Abweichungen, Krisen, anomische Situationen und andere ‚Anormalitäten’ als Brücken zum Verständnis von Normalformen“ nutzen (Willems 2012: 45). Mit diesen so genannten Krisenexperimenten oder „troublemakers“ sollte gezeigt werden, dass „die Alltagswelt verborgene und für selbstverständlich hingenommene Strukturmerkmale ausweist“ (Bergmann 2012: 59).

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3_thinking trough making – Planung als Forschung?

All diese Stichworte – das aus der Nähe Betrachten, Verfremdungen von Alltagsroutinen, Kunstgriffe, künstlerische Abweichungen, troublemakers und Irritationen – ließen sich ohne Weiteres auf die in diesem Buch beschriebenen Räume auf Zeit übertragen. Ihr Interesse gilt dem praktischen, situativen und räumlichen – das wäre die Ergänzung zur Garfinkels Ethnomethodologie – Alltagshandeln bzw. Alltagsraum. Eine ihrer (Forschungs)methoden sind experimentelle temporäre Rauminterventionen. Die Beispiele in diesem Buch beanspruchen für sich nicht, Forschung zu betreiben. Sie sind von Anfang an auch nicht so angelegt, haben aber Potenzial dazu. Ihr Forschungsfeld ist der alltägliche Raum, der durch die temporären Eingriffe verändert wird. Der Alltagsraum wird quasi zum Experimentalraum, und die temporären Rauminterventionen werden zu Versuchsanordnungen. Sie bringen neue Erkenntnisse über die Raumwirklichkeit hervor. Insofern können experimentelle temporäre Rauminterventionen eine Forschungsmethode sein, Wissen über spezifische Räume zu generieren. Garfinkels Forschungsansatz der Ethnomethodologie ähnlich, stellen sie eine praktisch-forschende Methode dar, Dinge im Raum zu erkennen, die zwar gesehen, aber nicht wahrgenommen werden – Garfinkel beschreibt sie als „seen but unnoticed“ (vgl. Bergmann 2012: 56). Es geht um das Sichtbare und Unsichtbare,

um Wissen und Nicht-Wissen. Sichtbares, Bekanntes und Bewusstes lassen sich in der Regel über klassische Forschungsmethoden wie dem Interview und Beobachtungen abbilden. Die Erkenntnisse daraus spiegeln aber lediglich das Wissen und den Erfahrungshorizont des Forschers – er fragt das ab, was er, ausgehend von seinem bestehenden Wissen, ergänzend erfahren will – bzw. des Befragten wider. Unsichtbare Beziehungsgeflechte, Unwahrgenommenes oder Wünsche – um nur drei Beispiele zu nennen – können nicht unbedingt erhoben werden. Experimentelle Rauminterventionen können dagegen als Kunstgriffe helfen, den routinisierten Alltag aufzubrechen und dem Forscher zugänglich zu machen. Als relationale Verfremdungen alltäglicher Konstellationen erzeugen sie eine Irritation und machen dadurch für selbstverständlich hingenommene Strukturmerkmale sicht- und wahrnehmbar. Durch den Eingriff können Routinen aufgebrochen, das Bestehende dekonstruiert und Unsichtbares nach außen „gestülpt“ werden. Zum Teil können dann – auch durch ein mögliches Scheitern derartiger Interventionen – Erkenntnisse gewonnen werden, auf die der Planer oder Forscher nicht aus war. Zwei Beispiele dazu:

Roter Faden

4_Glückliche Zufälle

Als Maßnahme, um Frauen den weiten Weg vom Dorf zu einer Wasserstelle zu ersparen, wurde in einem afrikanischen Dorf ein Wasseranschluss gelegt. Man ging davon aus, dass dieser punktuelle Eingriff positive Auswirkungen auf den Lebensalltag der Frauen haben würde. Es zeigte sich aber, dass ihnen damit zwar der beschwerliche Weg erspart blieb, ihnen dadurch gleichzeitig aber auch ein Stück Privatsphäre genommen wurde. Der Gang vom Dorf zur Wasserstelle war die einzige Zeit und Raum, in denen die Frauen unter sich sein konnten und Privates austauschen konnten. Ungewollt wurde so ein „echter“ Eingriff in den Sozialraum eines Dorfes zum Realexperiment, das durch

sein Scheitern sozialräumliche Strukturen dekonstruierte und zu Erkenntnissen führte, die von den Forschern und Planern zuvor nicht gesehen worden waren.

Ein anderes Beispiel illustriert einen planerischen Eingriff Rem Koolhaas’ in einem Favela in Rio de Janeiro. Um das steile, schwer zugängliche Viertel zu erschließen und die Wege für die Favela-Bewohner zu erleichtern, wurde ein Fahrstuhl gebaut. Nach der Inbetriebnahme zeigte sich auch hier, dass durch den Eingriff das fein verwobene und kausale soziale Beziehungsgeflecht auseinanderbrach. Der Eingriff hatte auf der einen Seite zwar punktuell positive Einflüsse, auf der anderen Seite wurde die schnellere Zugänglichkeit – nicht nur für die Einwohner selbst, sondern auch für die Obrigkeit – zur Gefahr bei Polizeieinsätzen oder Kontrollen durch die Verwaltung. In der Regel hatten die illegalen Bewohner einer Hütte bei Kontrollen genügend Zeit, die Unterkunft so herzurichten, dass sie der angemeldeten Personenzahl entsprach. Sie konnten so einer Festnahme entgehen. Durch den schnelleren Zugang in das Gebiet gab es diesen zeitlichen Puffer für die Bewohner nicht mehr. Kein Wunder, dass der Aufzug schon kurz nach seiner Inbetriebnahme kaputt war. Wie diese Auswirkungen zu bewerten sind, steht auf einem eigenen Blatt. Interessant ist aber auch hier der (unbeabsichtigte) Erkenntnis- und Wissensgewinn durch die Eingriffe, die nicht als temporäre Interventionen gedacht waren. Neues Wissen wurde durch Scheitern und zutage gefördertes Unwissen erlangt. Das sind die Qualitäten von Realexperimenten und in den Raum eingreifenden Aktionen (vgl. u.a. Groß et al. 2005, Karow-Kluge 2010, Krohn 2012, Peters 2013).

Ein erneuter Blick in die qualitative Forschung erlaubt es, diese Interventionen auf theoretische Füße zu stellen. Der Soziologe Heinz Bude verweist darauf, dass sich die empirische Forschung bei weitem nicht im Testen und Verifizieren von Hypothesen erschöpft, „sondern eine eigene Praxis experimentellen Theoretisierens [darstellt]“ (Bude 2012: 569). Er zitiert das „serendipity pattern“ (Muster des Spürsinns) Robert Mertons (1968): „‚Serendipity’ meint die Entdeckung unvorhergesehener, unnormaler und unspezifischer Daten, die eine neue Sichtweise zwischenmenschlichen Handelns verlangen und eine andere Vorstellung des sozialen Universums mit sich bringen. (…) Aber der ‚serendipity’-Effekt stellt sich nie von selber ein. Es braucht immer einen Forscher, der sich den Sachen selbst stellt und damit die Routinen der paradigmatischen Komplexitätsreduktion überwindet und aus der Interpretation eine Kunst macht“ (ebd.: 569f.). Was Bude vornehmlich auf den Akt der Interpretation und Deutung empirischen Materials (aus Beobachtungen und Interviews z.B.) bezieht – die Entdeckung des Unvorhergesehenen, den Spürsinn und Zufall –, ist temporären Interventionen als Forschungsmethode (ähnlich den „Kunstgriffen“ Garfinkels und den „Krisenexperimenten“ Goffmans) zuzuschreiben. Dazu gehört ein großes Maß an Offenheit: Von Seiten der planenden Forscher und innerhalb des Prozesses, der durch die Intervention im Raum ausgelöst wird.

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5_Ecdynamische Zwischenräume

Kommen wir noch einmal auf den Alltag zurück. Wir sind heute daran gewöhnt, mit immer neuen Ereignissen gefüttert zu werden. Was wir heute verkraften – Schnelligkeit, ständige Veränderungen, hohe Frequenzen – hätte bei früheren Generationen pathogene Auswirkungen gehabt. Besonders in den urbanen Agglomerationen mit hohen Wachstumsraten – in den Megacities – vollziehen sich extreme Wandlungsprozesse. Die Dynamik dieser sich rasch verändernden Orte – manchmal von Tag zu Tag – übt eine Faszination aus und erfährt dementsprechend mediale und wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Bei aller Begeisterung für das Neue, Besondere und Unbekannte steht

die Frage nach dem Alltäglichen und Identitätsstiftenden in diesen aufgeheizten Umgebungen im Raum. In ihrem Forschungsprojekt „Shanghai XXL“ hat die Sinologin Sonia Schoon den Begriff der Ecdynamik als Forschungsinstrument entwickelt, um die extremen Wachstums- und Wandlungsprozesse in Shanghai in ihren unterschiedlichen Dimensionen – baulichr-äumliche, wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche, ökologische, kulturelle – in ihrer Komplexität und Wirkung auf ihre Bevölkerung erfassen und zusammenführen zu können. Den Begriff der Ecdynamik leitet Schoon aus dem griechischen Begriff ékdysis, der in der Biologie den periodischen Häutungsvorgang (Ecdysis) z.B. bei Schlangen oder Kröten beschreibt, und dem Wort Dynamik ab. Der Begriff Ecdynamik „trägt Prozessen der Neuerung und Veränderung, verbunden mit permanentem Wachstum und beispielloser Dynamik Rechnung“ (Schoon 2007: 50).

Was haben die Wandlungsprozesse der Wachstumsmetropolen nun mit unseren Städten, unserem Alltag und der Wahrnehmung unserer Umgebung zu tun? Was hat der Begriff der Ecdynamik in einem Buch zu suchen, der Räume auf Zeit schafft und darstellt? Man kann schwerlich behaupten, dass die Städte – in der Regel mittlerer Größe –, in denen die zeitlichen Interventionen, die in diesem Band beschrieben werden, von extremen Wandlungsprozessen betroffen sind, die vergleichbar sind mit denen in China. Obwohl auch wir vom demographischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und klimatischen Wandel betroffen sind, läuft unser Leben in ungleich ruhigeren Bahnen. Treten wir morgens aus dem Haus, baut sich vor uns das gleiche Stadtbild auf wie am Tag zuvor. Der ecdynamische Raum dagegen „hält kaum an gewachsenen Strukturen fest. Flexibel werden Entwicklungen entschieden und durchgesetzt, die für momentane Interessen viel versprechend erscheinen. Prioritäten werden situativ ge- und versetzt. Man kann auch von einem Raum sprechen, der sich nicht durch langfristige stringente Planung, sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher und städtebaulicher Hinsicht, auszeichnet, sondern wo zum Teil Ad-hoc-Entscheidungen und ökonomische sowie Prestigeinteressen ausschlaggebend sind für weitreichende Maßnahmen, die in Folge konsequent durchgesetzt werden“ (Schoon 2007: 51).

Während es im ecdynamischen Raum besonders schwer fällt, Alltag und Identitäten entstehen zu lassen, zu identifizieren und festzuhalten, erkennen auch wir den Wert alltäglicher Orte meist nicht mehr. Er verschwindet als „Hintergrundrauschen“ aus unserem Blickwinkel (Beeren et al. 2013: 9). Bei immer wiederkehrender Begehung und Handlungsroutinen tritt das Besondere, das Gestaltete in den Hintergrund – egal ob an besonderen oder alltäglichen Orten. „Stattdessen verschiebt sich das Augenmerk hin zum Geschehen (…). Unsere Augen fungieren ja wie ‚Bewegungsmelder’ und wenden sich fast automatisch jeder Art von Bewegung oder Veränderung im Raum zu, während das Konstante, das Statische, schon Bekannte (…) zur Kulisse des Ereignisses wird“ (Tessin 2004: 12). Der gestaltete Raum wird dann zum erwähnten Hintergrundrauschen unseres Alltags und die Bewegung des Betrachters durch den Raum sowie das Geschehen im Raum werden zur Aufführung. Tessin nennt dies „aus der Kulisse heraustreten“ (ebd.) und plädiert für eine „Ästhetik des Performativen“ (ebd.: 16): Eine performative Freiraumästhetik wendet sich dem Ereignis, Prozess und Geschehen zu und vom Produkt- und Werkgedanken ab und damit auch von einer Trennung von Produktion und Nutzung eines Raumes. Eine geschehensorientierte Ästhetik richtet den Blick auf die ästhetische Perspektive der Nutzer und das Moment des aus der Kulisse Heraustretens. Räume auf Zeit sind in der Lage, genau diese Momente auszulösen. Auch wenn der Begriff Ecdynamik auf extrem wachsende Städte zugeschnitten ist, kann man ihn an dieser Stelle auf die Räume auf Zeit übertragen und

als heuristisches Werkzeug beschreiben. Heuristik beschreibt die Kunst, mit begrenztem Wissen und Zeit zu guten Lösungen zu kommen. Ein bekanntes heuristisches Verfahren ist z.B. das Trial-and-Error. Mit temporären Interventionen wandelt sich der Raum – zumindest zeitweise – und es treten Merkmale und Qualitäten zutage, die zuvor nicht wahrgenommen werden konnten. Die Autoren dieses Buches beschreiben ihre temporären Aktionen im ersten Band selber als „eine Art Diagnoseinstrument für Stadträume“ (Beeren et al. 2013: 11), mit dem ein Funktionieren oder Nicht-Funktionieren öffentlicher Räume herausgeschält werden kann. Mit dem Begriff der Ecdynamik als heuristisches Hebe- und Erkenntniswerkzeug kann vielleicht noch umfassender beschrieben werden, was temporäre Interventionen – speziell für die raumbezogenen Disziplinen – zu leisten vermögen, wenn sie nicht als Event, nette Abwechslung im alltäglichen Stadtraum oder als oberflächliche „Kunst im öffentlichen Raum“ abqualifiziert werden sollen.

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6_Raumsituationen als städtebauliches Instrumentarium

Bis hier wurde viel über die Bedeutung von Räumen auf Zeit als experimentelle temporäre Rauminterventionen, deren Bezug zum Alltag und deren Bedeutung für die Forschung gesprochen. In der Auseinandersetzung mit qualitativer Forschung beschreiben artverwandte Begriffe wie z.B. Kunstgriff, Krisenexperiment, troublemakers derartige Interventionen. Auch die Architektur und Planung stellt einige Synonyme bereit wie sie zu Anfang aufgezählt wurden. Das überbordende Interesse am Kleinen, Alltäglichen und Ungeplanten ist aber nicht uneingeschränkt positiv zu sehen: Man könnte ihm wahlweise einen voyeuristischen Blick auf das Absonderliche und Exotische im Trivialen, als das das Alltäglich häufig wahrgenommen wird, oder eine ästhetische Verklärung vorwerfen.

Das Verdienst temporärer Rauminterventionen ist, sich mit dem Alltäglichen – ob an besonderen oder normalen Orten – auseinanderzusetzen, Dinge aus der Normalität durch eine Irritation zu rücken, das Unsichtbare sichtbar zu machen, als Forschungsmethode in einem forschenden Erkenntnisprozess Wissen zu generieren und unter Umständen einen Imagewandel eines Ortes einzuleiten. Darüber hinaus erweitert es auch den didaktisch-methodischen und praktisch-instrumentellen Werkzeugkasten von lehrenden und praktizierenden Architekten und Städteplanern. Das ist nicht neu, deren Wert kann aber nicht oft genug betont und als gleichberechtigt neben dem vermeintlich echten Entwerfen echter Architekturen wertgeschätzt werden. Es führt zu Unerwartetem und Neuem. Ein prominentes Beispiel aus der Praxis verdeutlicht dies gut: Zwischen Mai und November 2009 ließ der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg den Times Square, bekannt als Verkehrsknotenpunkt, temporär in eine Fußgängerzone verwandeln. Dazu ließ er den Times Square für Autos sperren und hunderte bunter Liegestühle aufstellen. Mit dem sechsmonatigen Testlauf sollte geklärt werden, ob und wie die New Yorker diesen Eingriff annehmen würden. Das Experiment war so erfolgreich, dass der Times Square bis auf eine einzige befahrene Straße dauerhaft in eine Fußgängerzone umgewandelt wurde.

Das Bespiel zeigt, wie das Unnormale im Normalen, die temporäre Raumveränderung so „zu einer Gegenperspektive zur üblichen Betrachtungsweise der Stadt“ (Hagemann 2012: 79) wird. Statt die Stadt als Ergebnis einer linearen Planungsgeschichte zu begreifen und „in erster Linie die gebauten Fragmente größerer Planungsideen zu betrachten, richtet sich der Blick auf die Zwischenräume, Brüche, Kollisionen und Zufälligkeiten, das vermeintlich Unbedeutsame, Banale, Alltägliche. Für die Betrachtung und das Verständnis der ungeplanten Stadtlandschaft muss eine andere Wahrnehmung entwickelt werden, die das eigentlich

nicht Wahrnehmbare strukturiert, also das Triviale und Formlose, aber auch das Fragmentierte, Zufällige und Kontrastierende“ (ebd.). Den Times Square selber würde wohl keiner als banal oder alltäglich bezeichnen; sein Bild und seine Nutzung als Sinnbild der nie ruhenden Stadt war aber „normal“ geworden. Durch das Experiment entstand ein Bruch im Gewohnten, der dem Raum durch eine Umdeutung einen neuen Charakter und Nutzung verlieh. Iain Low drückt es so aus: „By not exploring alternatives, by not experimenting and taking risks, architects are failing to learn by doing, and once again running the risk of producing landscapes of monotony, constructed in the interest of capital rather than comfort” (Low 1998: 343). Der Begriff der Situation im Titel dieses Beitrags wurde gewählt, da sie räumliche Veränderung, Planung und Handeln in gleichem Maße einschließt. Die Verknüpfung von Planungs- und Aktionsraum im Situationsbegriff scheint für Lern- und Forschungsprozesse geeignet. „Situatives Arbeiten betrachtet den Ort und die ihn bedingenden Zusammenhänge und verknüpft strukturierendes Denken mit umsetzendem Handeln. Die Arbeit gleicht dabei oft einem mathematischen Iterationsprozess, indem der bearbeitete Gegenstand aus immer wechselnden Perspektiven betrachtet und mit unterschiedlichen Werkzeugen behandelt wird“ (Bader & Mayer 2006: 183). So beschreiben Markus Bader und Christof Mayer am Beispiel ihres Projektes Kolorado Neustadt die Arbeitsweise von raumlaborberlin, bekannt für ihre situative Praxis und (temporäre) Rauminterventionen jeglicher Art im Überschneidungsbereich von Architektur, Kunst, Szenographie, Performance und mehr. Eine dieser situativen Praxen nannten raumlaborberlin in Neustadt „Aktionsknoten“, „eine bewusst herbeigeführte Situation hoher Aktivität und Intensität an einem Ort für eine begrenzte Zeit. (…) Oft transformiert ein Aktionsknoten den Ort des Geschehens temporär sehr stark“ (Bader & Mayer 2006: 187). Durch die performativen Interventionen entstehen Raumsituationen, die sich aus ihrem Hintergrund, dem Alltagsraum herauslösen. „[Es ist] die Aufgabe des Planers (…), stilliegende Ressourcen zugänglich zu machen und durch die Herstellung von Verknüpfungen eine Dynamik zu entfachen“ (Stiftung Bauhaus Dessau 2001). Hier schließt sich der Kreis zur qualitativen Forschung.

Konjunkturpakete

7_Wirkung und Produktion von Wissen

„Es gibt Leute, die im Gehen sind. Andere sind im Kommen. Was schnell kommt, ist schnell wieder vorbei. Es ist, wie wenn man aus dem Fenster einer Kutsche sieht, nichts und niemand bleibt erhalten“ (Nadolny 1987: 234). Welche Wirkungen ergeben sich aus etwas, was schnell kommt und schnell wieder vorbei ist? Macht es Sinn, einmal im Rampenlicht zu stehen und danach wieder in den grauen Alltag zurückzufallen? Und was passiert danach? Nichts, so lässt sich vermuten, nähme man das Zitat wörtlich. An anderer Stelle des zu Anfang erwähnten Romans „Die Entdeckung der Langsamkeit“ stellt sich John Franklin vor, wie sich „aus mehreren gefrorenen Augenblicken Bewegung abbilden ließe“ (ebd.: 273). Das können sie bewirken: Neben dem Bestand, Alltag und Hintergrundrauschen ließe sich eine neue performative Raumspur generieren. Diese künstlich herbeigeführten Situationen wirken als Andockstationen. „Das Mittel der öffentlich wirksamen Aktion hilft dabei, dem Abstraktum ‚Stadtumbau’ ein Gesicht und einen physischen Zugang zu geben. Als Planer gewinnt man Informationen über sein Planungsgebiet und kann informell erste Kontakte aufbauen. Ein Planer, der Aktionen initiiert und gestaltet, erzeugt einen Kurzschluss zwischen Planungsarbeit und Planungsgegenstand: er lässt eine Situation entstehen, die das Sein und Bewusstsein am Ort beeinflusst. Eine wahre Aktion referiert nicht nur, sondern ist produktiv!“ (Bader & Mayer 2006: 189).

Temporäre Raumsituationen ermöglichen, Raum von Neuem wahrzunehmen, aus Handlungsroutinen auszubrechen; sie regen zum Denken an, erweitern das Vorstellungsvermögen (nicht nur der Laien) und stellen Fragen an den Raum bzw. lösen Fragen beim Betrachter aus. Damit können sie zugleich der Beginn einer wissenschaftlichen Untersuchung sein und Ideengeber für einen zukünftigen (planerischen) Umgang eines Ortes. „Der Planer wird zum Ermöglicher. Er initiiert Prozesse, die sich aus eigener Energie weiter entfalten. Mit einem Minimum an Energie kann so ein Maximum an Wirkung erzielt werden“ (Stiftung Bauhaus Dessau 2001). Mit dieser Art des (forschenden) Planens kann ein neues Navigationssystem für die Planung bereitgestellt werden. So, wie kleine wendige Lotsenboote große Containerschiffe oder Tanker auf ihren Weg in den Hafen begleiten, können temporäre Raumveränderungen helfen, den Möglichkeitsraum auszukundschaften und den Weg für mögliche längerfristige Projekte bzw. Prozess zu bereiten. Sie dienen dazu, Ideen für die Zukunft zu erproben, unwegbares Terrain in tastenden Schritten zu erforschen und Planungsunsicherheiten einzugrenzen (vgl. Karow-Kluge 2010).

Es ergibt also Sinn, die elf Beispiele dieses Buches nicht nur als gute praxisorientierte Lehre abzuspeichern, sondern ihren Umsetzungswert für die Praxis und Forschungswert für die Wissenschaft zu betrachten. Und im Sinne John Franklins lohnt es sich auch, sich Zeit zu nehmen, das Alltägliche zu beobachten und verborgene Qualitäten durch kleine Eingriffe ans Licht zu führen. So werden Alltagsräume zu besonderen Orten.

 

Daniela Karow-Kluge

 

 

Dr. Daniela Karow-Kluge studierte Landschafts- und Freiraumplanung an der Universität Hannover und der Wageningen Agricultural University/NL. Sie promovierte 2008 zum Thema „Experimentelle Planung im öffentlichen Raum“. Nach mehreren beruflichen Stationen in Planungspraxis und Wissenschaft arbeitet sie seit 2011 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung der RWTH Aachen.