Faktor X – Xperimentelle Interventionen im Stadtraum

Demographischer Wandel, Integration von Migranten, die klaffende Lücke zwischen Arm und Reich, Bildungsmisere, Benachteiligung und Ausgrenzung – die gesellschaftlichen Herausforderungen sind groß und zahlreich. Und sie gehen auch angehenden Architekt/innen und Planer/innen etwas an.

Diese Prämisse nahmen Gisela Schmitt und Ulrich Berding vom Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung zum Anlass für ein Studienprojekt im Wintersemester 2007/08. Unter dem Titel „Faktor X – Xperimentelle Interventionen im Stadtraum“ ging es darum, die Wechselbeziehung von sozialen Phänomenen und stadt-räumlichen Gegebenheiten genauer zu untersuchen und vorhandene Potenziale zur Erneuerung aufzuspüren. Im öffentlichen Raum der Stadt sollten auf experimentelle Weise innovative Konzepte zur Veränderung sozialer Phänomene ausprobiert werden. Diese zunächst sehr breite Aufgabe wurde in drei Schritten bearbeitet:

In einem ersten Schritt ging es zunächst um die Beschäftigung mit sozialen Phänomenen und ihren Auswirkungen im und auf den Raum: Recherchen zum Themen sowie zu Kunstaktionen und Interventionen im Stadtraum vermittelten allen Teilnehmerinnen das notwendige Verständnis für sozial-räumliche Phänomene und für künstlerisch-interventionistische Möglichkeiten des Umgangs.

Nach den gemeinsamen „wissenschaftlichen“ Recherchen waren in der anschließenden Arbeitsphase vor allem individuelles Problemverständnis, persönliche Interessen und eigene Ideen gefragt. Wie könnte ein Aktions-Konzept in einem ausgewählten Stadtraum aussehen? Wo und mit welchen Mitteln kann auf ein soziales Thema aufmerksam gemacht werden? Die Ideen und Ansätze waren vielfältig. Einige Beiträge konzentrierten sich auf einen Aachener Stadtteil mit einem hohen Anteil benachteiligter und einkommensschwacher Bewohner. Andere Konzepte zum Thema Armut wurden im publikumsträchtigen Innenstadtbereich Aachens verortet. Insgesamt erarbeiteten die Studierenden elf verschiedene Konzepte.

Angesichts der vielfältigen Ideen musste eine Auswahl getroffen werden, denn es war von vornherein klar: Jedes Konzept braucht die Mitwirkung aller, wenn es umgesetzt werden soll. Als ihre eigene Auswahl-Jury traf die Gruppe dann eine endgültige Auswahl: „Gewinnerin“ war die Aktion „Armutsstempel“. Auch diese Aktion griff das Thema der Armut auf. Zentrales Ziel war es, ein öffentliches Bewusstsein für die stadträumlich negativen Folgen von Armut zu schaffen: Abwanderung, Verdrängung, Wohnungsnot und Vandalismus sind in der Stadt sichtbarer Ausdruck von Armut und Perspektivlosigkeit. Doch wie kann man diese schwierigen Themen öffentlichkeitswirksam vermitteln? Womit erzielt man maximale Aufmerksamkeit? Am besten, so die Idee, man bedient sich eines bewährten Mediums der Werbung: Großflächige Werbeplakate sollten die Botschaft vermitteln. Als Stempel gestaltete Slogans auf ansonsten weißem Grund brachten die Sache auf den Punkt: „Armut macht obdachlos“, „Armut wohnt beengt“, „Armut verdrängt“, „Armut zerstört“ und „Armut macht wütend“ lauteten die fünf Sprüche.

Der schwierigste Part bestand nun in der Finanzierung der Aktion: Der Druck der Großflächenplakate und die Anmietung der entsprechenden Werbeflächen sprengten deutlich den Rahmen des Lehrstuhl-Budgets. Glücklicherweise konnten Sponsoren gewonnen werden, die die Finanzierungslücke schlossen. So gelang es schließlich mit vereinten Kräften, die Plakate an zehn Tagen im Juli 2008 an fünf Standorten im Aachener Stadtraum zu präsentieren. Auf der Website http://www.armutsstempel.blogspot.de konnten begleitend Informationen über die Hintergründe der Aktion abgerufen werden.

Was bleibt, was folgt? Zunächst bleibt die gute Erfahrung, ein Konzept entwickelt und tatsächlich umgesetzt zu haben. Weiterhin bleibt die Erkenntnis, dass eine Plakataktion zwar keine Probleme löst – aber Aufmerksamkeit schafft und damit vielleicht ein Bewusstsein für gesellschaftliche Herausforderungen – auch für angehende Architekt/-innen und Planer/-innen.

 

Ort
Aachen, Plakat-Werbeflächen an fünf innerstädtischen Standorten

Datum
Erarbeitung: 04 – 07/2007
Aktionszeitraum: 11.07.2008 – 21.07.2008

Rahmen
Lehrveranstaltung an der Architektur-Fakultät der RWTH Aachen:
Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung
Wüllnerstraße 5b, 52056 Aachen

Projektbeteiligte
Dr. Ulrich Berding und Gisela Schmitt
(Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung)

Studierende der RWTH aus den Studiengängen Architektur und Stadtplanung, Konzeptbeitrag von Andrea Heller, Relana Hense, Lena Rautenbach und Saskia Wolf

Material
5 Großflächen-Werbeplakate

Förderer
gewoge Aachen, OnlineCopiers Aachen, aixxess, Sparkasse Aachen