Geleitwort Band 2

Sofronia ist aus zwei halben Städten zusammengesetzt. […] Die eine halbe Stadt steht fest die andere ist provisorisch, und wenn ihr Aufenthalt vorüber, ist nagelt man sich ab, montiert sie ab und schafft sie fort, um sie auf dem freien Gelände einer anderen halben Stadt wieder aufzubauen.

Manchal denkt man, ein Thema sei „durch“, sei nunmehr Teil des allgemeinen fachlichen Wissens geworden und brauche keine besondere Aufmerksamkeit mehr. So ging es mir bis vor kurzem mit dem Provisorischen, dem Vorübergehenden, den zeitlich begrenzten Interventionen, den Experimenten und mit der Zwischennutzung als Teil von Raumentwicklung, Entwerfen und Lehre. Meine Erfahrungen begannen 1977 mit der provisorischen, experimentellen Umgestaltung der öffentlichen Räume eines Stadtteils in Hamburg, die zeigen, dass und wie der Raum kinderfreundlicher sein könnte. Doch als anschaulich wurde, dass Straßen und Plätze tatsächlich von Kindern und Jugendlichen viel mehr als zuvor benutzt wurden, räumte eine Protestbewegung von Erwachsenen die noch nicht einmal zu Ende aufgebauten Provisorien wieder ab: schmerzhaftes Lernen aus unerwarteten Antworten. Aber kleine Realexperimente im Raum blieben eines meiner Lieblingsthemen. Viele Studierende mussten da durch. Das Credo hieß: Notwendiges Erfahrungswissen ist nur zu haben, wenn man wirklich 1:1 im Raum körperlich handelt, mit Bewegung, sinnlich und oft mit materiellen Änderungen ausprobiert. Für mich folgten dann Experimente in Forschungsprojekten. Unglaublich anregend war dann die Forschung „Urban Catalyst“ (Oswald, Overmeyer, Misselwitz, 2003) zur Frage, was Temporäres zur Stadtentwicklung leisten kann. Ich freute mich derweil, die Dissertation über „Verschiedenes“ (2005) von Margit Schild und Daniela Karow-Kluge (2010) zu betreuen. Erforschend verstehen, gestaltend Fragen stellen, ins  Gespräch kommen, zusammen arbeiten. Entwerfen für die Raumentfaltung von Moment zu Moment und Situativ eingreifend: Spielräume zwischen Kunst, Wissenschaft, Planung ausloten und mit jeder noch so kleinen Intervention tatsächlich den jeweiligen Raum verändern – so verstehe ich meinen situativen Entwurfsansatz.

Konjunkturpakete

Nach der Zwischennutzungsdebatte und der Etablierung von Zwischennutzungen vor allem dann im Kontext der „Kreativen Quartiere“ dachte ich jedoch: Thema durch, ist zu den üblichen Tools geworden, wird als Phänomen der Raumentwicklung wahrgenommen und kippt mit all den Events, Straßenkunst, Kunstaktionen, Werbung, Festivals, oder Gastronomienutzungen und Sportereignissen die übliche selbstzerstörerische kapitalistische mehr-desselben Übertreibung.

Doch dann war ich zum Symposium „Ephemere Stadtentwicklung“ zum gleichnamigen Kooperationsprojekt des Urban Research and Design Laboratory, TU Berlin und der Wüstenrot Stiftung eingeladen und kurz danach kam die Anfrage, dieses Geleitwort für Band 2 „Raum auf Zeit“ zu schreiben.  In der Auseinandersetzung mit beidem wurde mir klar, dass das Thema ganz und gar nicht „durch“ ist. Die Debatte in Berlin zeigte die Gefahr, das Temporäre auf „Zwischennutzung“ zu reduzieren, statt in die neue, notwendige notwendige Phase einzutreten: Qualifizierung, Differenzierung, genaues Hinschauens, Offenheit für die weite und Unschärfe des vom Kooperationsprojekt benutzten Begriffes des Ephemeren, weitere theoretische Durchdringung und wirklich ausloten, wie sich Planungskultur wandelt. Und natürlich braucht das Thema ausdauernde Zuneigung! Genau das macht der sorgfältige, sehr differenzierte und spannende Einleitungstext zu diesem 2. Band „Raum auf Zeit“ von Daniela Karow-Kluge mit ihrem Blick aus der entwerfenden, planenden Tätigkeit und die Projekte. Denn die Gefahr ist groß, dass das scheinbar Bekannte in Schubladen gepackt wird, die Vielschichtigkeit verliert, vor allem die erfrischende Wahrnehmung von Raumgeschehen einbüßt, seine plötzliche Schönheit, seine tatsächliche Verbindung zur Kreativität und seine methodische Kraft, Fragen an den Raum zu stellen – während parallel die attraktiven öffentlichen Räume in allerlei vorübergehenden Events und Dekorationen versinken. Deshalb möchte ich ermuntern, die Beschäftigung mit dem Temporärem forzusetzen und hinzufügen, dass es beim Ephemeren auch um Notlösung, um Not, um plötzliche Erkenntnis, um die kostbare Erfahrung Teilhabe, gemeinsames Spiel und gemeinsamer Ernst. Aber es geht dabei auch nicht nur um Entwerfen und Planen, sondern auch um Nichtplanen, Zulassen Hinschauen, Raum lassen und zwar insgesamt im Raumgeschehen, nicht nur im öffentlichen Raum. Und noch einen Schritt weiter: Vielleicht brauchen wir, wenn wir das mannigfaltige, rationale Geschehen Raum wahrnehmen und entwerfend eingreifen wollen, überhaupt viel Verständnis für unterschiedliche Dauerhaftigkeiten, vom flüchtigen Moment mit dem Traum vom „Bleibe doch – du bist so schön“, für die Wiederholungen des immer Gleichen und doch Anderen – bis zum relativ Dauerhaften aus Stein, Stahl, mit dem Verständnis für die Gefahr der Erstarrung und für den langsam wachsenden Baum.

kistenweise (c) Willem-Jan Beeren_TITEL_neu

Vielleicht ist es das, was Italo Calvino (Die unsichtbaren Städte, 1977) uns mit seiner wunderbaren Geschichte über die subtile Stadt Sofronia erzählen will:

Sofronia ist aus zwei halben Städten zusammengesetzt. In der einen befinden sich die große Achterbahn mit den Steilkuppen, das fliegenden Karussell, das Riesenrad, die Todesbahn mit den Motorradfahrern kopfüber, die Zirkuskuppel mit dem Trapezgehänge in der Mitte. Die andere halbe Stadt ist aus Stein und Marmor und Zement, mit der Bank den Werkhallen, den großen Häusern, dem Schlachthof, der Schule und allem übrigen. Die eine halbe Stadt steht fest die andere ist provisorisch, und wenn ihr Aufenthalt vorüber, ist nagelt man sich ab, montiert sie ab und schafft sie fort, um sie auf dem freien Gelände einer anderen halben Stadt wieder aufzubauen. 

So kommt jedes Jahr der Tag, da Hilfsarbeiter die Marmorverkleidungen abnehmen, die Steinmauern, die Zementpfeiler umlegen, das Ministerium, das Denkmal, die Docks, die Ölraffinerie, das Krankenhaus abmontieren und auf Tieflader verfrachten, um damit auf dem jährlichen Weg von Ort zu Ort zu ziehen. Zurückbleibt das halbe Sofronia der Schießbuden der Schießbuden und der Karussells, in der Luft der Schrei aus dem steil heruntersausenden Schiffchen der Achterbahn, und zählt nun, wie viele Monate, wie viele Tage es noch warten muss, bis die Karawane zurückkommt und das ganze Leben wieder beginnt. (Calvino 1977: 73f)

 

Hille von Seggern

 

 

Prof. Dr. Hille von Seggern studierte Architektur an der TU Braunschweig und an der TU Darmstadt. 1982 promovierte sie an der TU Darmstadt zum Thema „Wohnungsbezogene Freiräume in Großstadtsiedlungen“. Nach Tätigkeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin und freiberufliche Architektin / Stadt- / Freiraumplanerin leitete sie mit Timm Ohrt 1982 bis 2010 das Büro für Architektur, Städtebau, Stadtforschung, Ohrt-v. Seggern-Partner in Hamburg. 1995-2008 hatte sie die Professur für Freiraumplanung, Entwerfen und städtische Entwicklung am Institut für Freiraumentwicklung an der Universität Hannover inne. Seit 1998 konzipiert sie gemeinsam mit Timm Ohrt Projekte unter der Bezeichnung: „Alltag – Forschung – Kunst“ und ist in dem 2005 von ihr gegründeten STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN aktiv.