Grenzwert

Landesgrenzen definieren Räume in vielerlei Hinsicht: ideell, kulturell, sozial, politisch, administrativ, strategisch, funktionell und gestalterisch. Sie sind Zeitzeugen und dokumentieren Geschichte und Geschehnisse der letzten Jahrhunderte. Besonders deutlich wird dies in den Grenzgebieten der Euregio, wo auf kleinstem Raum die Kulturen Deutschlands, Belgiens und der Niederlande nebeneinander existieren und bei jedem „Grenzwechsel“ erfahrbar sind. Heute sind der grenzüberschreitende Dialog, die Durchlässigkeit der Staatsgrenzen eine Selbstverständlichkeit. Doch vor wenigen Jahrzehnten sah die Grenz-Welt noch anders aus. Was ist nun aus den euregionalen Grenzen geworden? Welche Abschnitte und Übergänge sind noch erkennbar? Was prägt ihren Charakter? Welches sind besondere Grenz-Werte? Dieses Thema wurde in einem Seminar der Lehrstühle für Landschaftsarchitektur sowie Planungstheorie und Stadtentwicklung der Architektur-Fakultät der RWTH aufgegriffen und in einer eintägigen Kunstaktion thematisiert.

Nach eingehender „Grenzerfahrung“ durch Erwanderung und Analyse zahlreicher Grenzräume im Raum Aachen war es Aufgabe der Studierenden, Konzepte zur kreativen Veränderung selbstgewählter Grenzabschnitte zu entwickeln. Der Phantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt – es kam darauf an, den zuvor erfassten Raumcharakter aufzunehmen und ihn gezielt zu verändern. Welches der erarbeiteten Konzepte zur Realisierung ausgewählt wurde, haben die Studierenden in einem Juryverfahren selbst entschieden.

Zum Sieger gekürt wurde das Konzept „GrenzGeist“ von Rizo Agovic, Tarik Özel und Sebastian Schütt. Idee dieses Konzeptes war es, den Geist vergangener Geschichten und Geschehnisse am ehemaligen Zollhäuschen in Aachen Köpfchen für einen Tag wieder erfahrbar werden zu lassen. Den kulissenartigen, unbelebten Charakter des Grenzorts Köpfchen aufgreifend, entschieden sich die Studierenden für mehrere szenische Installationen mittels lebensgroßer Menschensilhouetten. In mehreren Bildern wurden 30 verschiedene Figuren aufgestellt, die typische Szenen eines solchen Grenzübergangs darstellen: Menschen, die auf die Zollabfertigung warten, ein Paar, das sich verabschiedet, eine Anhalterin, die ins Ausland reisen möchte, martialische GIs, die den Westwall überwinden mussten. Sie treten in Erscheinung und zeichnen ein neues-altes Bild des Grenzortes Köpfchen. Um die Silhouetten nicht nur am Grenzübergang erlebbar zu machen, begann die Aktion schon früher: Nach ihrer Herstellung „wanderten“ die Silhouetten mehrere Tage durch die Architektur-Fakultät. Erst am Aktionstag im Februar 2011 wurden sie nach und nach von den Studierenden abgeholt und mit öffentlichen Bussen an den Ort des Geschehens gebracht, wo sich die Szenerie langsam mit Figuren füllte und den „GrenzGeist“ neu aufleben ließ.

Durch die Kooperation mit dem belgisch-deutschen Verein KuKuK – Kunst und Kultur im Köpfchen, bot sich die Möglichkeit, die roten Figuren „am Leben“ und an weiteren Kunstaktionen teilhaben zu lassen.

Ort
Deutsch-belgischer Grenzübergang Köpfchen, Aachen

Datum
Erarbeitung 10/2010 bis 02/2011
Aktionstag am 03.02.2011

Rahmen
Lehrveranstaltung an der Architektur-Fakultät der RWTH Aachen: Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur Jakobstraße 2, 52056 Aachen

Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung Wüllnerstraße 5b, 52056 Aachen

Projektbeteiligte
Dr. Ulrich Berding (Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung)
Prof. Dr. Florian Kluge (Zum Zeitpunkt des Projekts: Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur)
Studierende der RWTH aus den Studiengängen Architektur und Stadtplanung, Konzeptbeitrag von Rizo Agovic, Tarik Özel und Sebastian Schütt

Material
MDF-Platten
rote Lackfarbe

Förderer
Kooperation mit dem deutsch-belgischen Verein „KuKuK – Kunst und Kultur im Köpfchen e.V.“ Eupener Str. 420, 52076 Aachen